Degrees of Light

Klavierstück · komponiert von Claude · 2026

Degrees of Light

für Klavier solo

Ein Stück im Geist von Keith Jarretts Solokonzerten: ein suchender Anfang, ein wiegender Groove, ein langer Aufstieg und ein Choral zum Schluss. Der Grundton bleibt die ganze Zeit G – aber mit jedem Abschnitt wird eine Stufe der Tonleiter heller.

  1. Äolisch♭3 ♭6 ♭7
  2. Dorisch♮6
  3. Mixolydisch♮3
  4. Ionisch♮7
  5. Lydisch♯4

Von Abschnitt zu Abschnitt steigt genau ein Ton um einen Halbton – die Musik wird heller.

Video

Die Partitur läuft mit

Das Video zeigt die Noten, während sie erklingen, darunter eine Klavierrolle mit dem Spektrum und oben die Tonleiter des gerade gültigen Modus. Die Farben wechseln mit dem Licht des Stücks.

Qualität: 1080p

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Das Stück

Ein Grundton, fünf Lichtstufen

Die meisten Stücke erzeugen Spannung, indem sie die Tonart wechseln: Sie modulieren von einem Grundton zum nächsten. Degrees of Light macht es umgekehrt. Der Grundton G bleibt vom ersten bis zum letzten Takt stehen – im Bass liegt fast immer ein G. Was sich ändert, ist die Farbe der übrigen sechs Töne.

Dafür verwendet das Stück fünf Modi, und es ordnet sie nach ihrer Helligkeit. Beim Wechsel in den nächsten Abschnitt wird jeweils genau ein Ton um einen Halbton angehoben. So wandert die Musik von Moll über zwei Zwischenfarben nach Dur und schließlich noch einen Schritt darüber hinaus. Der Titel spielt mit diesem Doppelsinn: degrees sind im Englischen sowohl die Stufen einer Tonleiter als auch Grade von Helligkeit.

Was ist ein Modus?

Eine Dur- oder Molltonleiter ist eine Auswahl von sieben Tönen aus den zwölf Tönen der Oktave. Welche Stufen dabei groß oder klein ausfallen, bestimmt den Charakter. Spielt man nur die weißen Tasten und beginnt jeweils auf einem anderen Ton, erhält man sieben verschiedene Leitern – die Modi oder Kirchentonarten: Ionisch (von C aus, also Dur), Dorisch (von D), Phrygisch (von E), Lydisch (von F), Mixolydisch (von G), Äolisch (von A, also natürliches Moll) und Lokrisch (von H).

In diesem Stück beginnen alle Modi auf demselben Ton G. Dadurch hört man den Unterschied besonders deutlich: Der Boden bleibt gleich, nur das Licht darüber ändert sich. Ordnet man die sieben Modi nach Helligkeit, unterscheiden sich benachbarte Modi jeweils nur in einem einzigen Ton. Probier es aus:

G-Äolisch

G A B C D Es F

1 2 ♭3 4 5 ♭6 ♭7

Die rosa markierte Taste ist jeweils der Ton, der gegenüber dem nächstdunkleren Modus einen Halbton höher liegt. Zur Schreibweise: Im Deutschen heißt der Ton zwischen A und C H; B ist der um einen Halbton tiefere Ton (englisch B♭).

ModusTöne auf GWas neu istVorzeichenTakte
ÄolischG A B C D Es Fnatürliches Moll: kleine Terz, kleine Sexte, kleine Septime2 ♭1–12
DorischG A B C D E Fdie Sexte wird groß: Moll mit einem hellen Fleck1 ♭13–24
MixolydischG A H C D E Fdie Terz wird groß: Dur, aber mit „erdiger“ kleiner Septime–25–65
IonischG A H C D E Fisdie Septime wird groß: der Leitton, klares Dur1 ♯66–92
LydischG A H Cis D E Fisdie Quarte wird übermäßig: schwebend, heller als Dur2 ♯93–96

An den Vorzeichen sieht man, dass jeder Schritt ein B wegnimmt oder ein Kreuz hinzufügt: 2 ♭ → 1 ♭ → keine → 1 ♯ → 2 ♯. Das Stück geht also vier Schritte im Quintenzirkel nach oben, ohne den Grundton zu verlassen.

Der Aufbau

Die 96 Takte folgen dem Bogen eines Jarrett-Konzerts im Kleinen. Ein Klick auf einen Abschnitt spielt das Video ab dieser Stelle.

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  1. Takt 1–12
    Äolisch · „Frei, wie aus der Ferne“

    Ohne festen Puls. Das Motiv erscheint zum ersten Mal, in Moll, über tiefen Klangflächen und gebrochenen Akkorden. Die Musik sucht noch; der Abschnitt endet auf einer langen Fermate.


  2. Takt 13–24
    Dorisch · „Im Takt, sanft wiegend“

    Die linke Hand beginnt das Ostinato, die wiegende Figur aus 3 + 3 + 2 Achteln, und sie wird das Stück bis zum Höhepunkt tragen. Ab Takt 17 kommt das Thema dazu, jetzt mit dem hellen E.


  3. Takt 25–32
    Mixolydisch · Thema in Terzen

    Das H macht den Klang zu Dur, das F hält ihn bodenständig, ein Klang zwischen Folk und Gospel. Das Thema läuft jetzt zweistimmig in Terzen.


  4. Takt 33–44
    Mixolydisch · Episode

    Ruf und Antwort zwischen hoher und mittlerer Lage (33–36), ein Aufschwung in Achtelketten (37–40), ein kurzer Ausbruch mit Akkordschlägen (41–42) und ein Abstieg zurück zur Ruhe (43–44).


  5. Takt 45–65
    Mixolydisch · Durchführung

    Das Herzstück: Die linke Hand spielt eine Dreier-Figur gegen den Vierertakt der rechten (siehe unten). Die rechte Hand zerlegt das Motiv, kehrt es um und führt es in Oktaven zu einer Steigerung mit Tremolo.


  6. Takt 66–77
    Ionisch · „Jubelnd“

    Genau hier finden beide Hände wieder zusammen, und mit dem Fis als Leitton klingt zum ersten Mal reines G-Dur. Das Motiv erscheint in vollen Oktav-Akkorden, am Ende stürzt eine Kaskade über die ganze Tastatur, dann ein stiller G-Dur-Akkord.


  7. Takt 78–81
    Ionisch · Übergang

    Das Ostinato läuft leiser weiter, das Motiv klingt nur noch als Echo in zwei Lagen. Das Tempo wird langsamer.


  8. Takt 82–92
    Ionisch · Choral

    Das Motiv wird zur Hymne: langsam, zweistimmig, über einem Bass, der Schritt für Schritt abwärts geht. Kurz vor dem Ende färbt ein Moll-Akkord auf C den Klang (Takt 91), eine Wendung aus der Kirchen- und Gospelmusik.


  9. Takt 93–96
    Lydisch · „Schwebend“

    Das Cis kommt hinzu. Das Motiv klingt wie eine Glocke in hoher Lage, und der Schlussakkord lässt das Cis über G-Dur stehen, das Stück hört nicht auf, es öffnet sich.

Ein Motiv für alles

Das ganze Stück wächst aus einer einzigen Tonfolge von zwei Takten: Nach einer Achtelpause wird ein Ton wiederholt, dann kommt ein Nachbarton, der über den Schlag hinweg gebunden ist. Diese Synkope gibt dem Motiv seinen schwebenden, sprechenden Rhythmus. Danach führt eine kurze Linie abwärts zur Ruhe. Weil das Motiv so wenige Töne hat, hört man sofort, wenn sich einer davon ändert, und genau das nutzt das Stück.

Grundgestalt · Äolisch, T. 1–2. Das Es gibt dem Anfang seine dunkle Moll-Farbe.
Dorisch, T. 17–18. Aus Es wird E. Derselbe Bogen klingt plötzlich offener.
Mixolydisch, T. 25–26. In Terzen, und mit H statt B: Aus Moll wird Dur.
Umkehrung · Durchführung, T. 53–54. Wo das Motiv stieg, fällt es jetzt, und umgekehrt.
Höhepunkt · Ionisch, T. 66–67. Vierstimmige Oktav-Akkorde, mit dem Leitton Fis.
Choral, T. 82–83. Langsam, mit Gegenstimme und einem Bass, der abwärts schreitet: G – Fis – E – D.
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Lydisch, T. 94–95. Hoch oben (8va) und einen Ton höher, auf E statt D. Mit dem Cis klingt das Motiv wie eine Glocke.

Das wiegende Ostinato: 3 + 3 + 2

Ein Ostinato ist eine Figur, die hartnäckig wiederholt wird (italienisch ostinato, hartnäckig). In den Groove-Teilen spielt die linke Hand zwei punktierte Viertel und eine Viertel. Die acht Achtel eines Takts werden also nicht 4 + 4 gegliedert, sondern 3 + 3 + 2. Diese Gruppierung kennt man aus der lateinamerikanischen Musik als Tresillo, und sie steckt in unzähligen Pop-, Rock- und Gospel-Grooves. Weil der dritte Anschlag „zu früh“ kommt, kippt jeder Takt ein wenig nach vorn, und die Musik fängt an zu wiegen.

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Das Ostinato im dorischen Teil, T. 13–14. Unten liegt immer das G, darüber wechseln die Klänge zwischen G-Moll und einem C-Klang mit E, der dorischen Farbe.
104 Schläge pro Minute

Drei gegen vier

In der Durchführung (Takt 45–65) bleibt die rechte Hand im Vierertakt: Ihre Motivfragmente und Phrasen beginnen und enden im Rahmen der 4/4-Takte. Die linke Hand spielt dagegen eine Figur aus sechs Achteln, G – D – G – A – G – D, also genau drei Viertelschläge lang. Drei passt nicht in vier. Deshalb beginnt die Figur jedes Mal an einer anderen Stelle im Takt, und ihre Betonung wandert rückwärts durch den Takt: auf die 1, dann auf die 4, dann auf die 3, dann auf die 2 – und dann wieder auf die 1.

Figur 1Figur 2Figur 3Figur 4
Linke Hand, T. 45–47. Vier Figuren zu je drei Schlägen füllen genau drei Takte zu je vier Schlägen. Die Akzente zeigen, wo jede Figur beginnt.

Nach zwölf Schlägen, also drei Takten oder vier Figuren, treffen sich beide wieder, denn zwölf ist das kleinste gemeinsame Vielfache von drei und vier. Musiker nennen so etwas Polymetrik oder Kreuzrhythmus: Zwei Taktarten laufen gleichzeitig, hier ein gefühlter 3/4-Takt in der linken Hand gegen den 4/4-Takt der rechten. Das ist etwas anderes als eine Triole, bei der drei Noten gleichmäßig in die Zeit von zwei oder vier gepresst werden. Hier sind die Schläge gleich lang, nur die Gruppen sind verschieden groß.

Verwandt ist die Hemiole aus der Barockmusik und bei Brahms, bei der zwei Dreiertakte kurz wie ein großer Takt aus drei halben Noten klingen. In der Durchführung dauert die Reibung allerdings viel länger: 28 Figuren mal drei Schläge ergeben 84 Schläge, das sind genau die 21 Takte von Takt 45 bis 65. Die letzte Figur endet also exakt am Taktstrich vor Takt 66, und dort beginnt der Höhepunkt mit beiden Händen gemeinsam auf der 1. Die Spannung der Durchführung entsteht aus diesem Auseinanderdriften, die Befreiung aus dem Wiederzusammenfinden.

Takt 1 · Figur 1

Orgelpunkt, Vamp und Choral

Orgelpunkt. Fast überall liegt im Bass ein G. Ein solcher liegender Basston heißt Orgelpunkt, er hält den Grundton fest, während sich darüber die Farben ändern. Das ist die Voraussetzung dafür, dass man die Modi überhaupt als Lichtwechsel hört und nicht als Tonartwechsel.

Vamp. Die Groove-Teile pendeln Takt für Takt zwischen einem G-Klang und einem C-Klang hin und her, ein Vamp, wie man in Jazz, Soul und Gospel sagt. Im dorischen Teil ist der G-Klang Moll (mit B), und der C-Klang bringt das helle E. Im mixolydischen Teil wird der G-Klang Dur (mit H), während das F im C-Klang die kleine Septime hörbar hält. Im ionischen Höhepunkt steht über dem C der Ton Fis. Der Akkord auf der vierten Stufe klingt dadurch schon lydisch, ein kleiner Vorgriff auf den Schluss.

Choral. Im Hymnus bewegt sich der Bass stufenweise abwärts, G – Fis – E – D – C – H – A – D, und trägt eine zweistimmige Melodie. In Takt 91 erklingt statt C-Dur ein Klang mit C und Es. Diese Moll-Subdominante vor dem Grundakkord ist ein alter Kirchenlied- und Gospelschluss, eine Art „Amen“ mit einem Schatten darin.

Schlussakkord. Unten liegen G, D und H, oben Fis, A und Cis: G-Dur mit großer Septime, None und übermäßiger Undezime. Das lydische Cis wird nicht aufgelöst, es bleibt als hellster Ton in der Luft hängen.

Was mich inspiriert hat

Claude über das Stück

Der Auftrag lautete: ein Klavierstück im Stil von Keith Jarrett, aber mit eigener Handschrift. Also habe ich zuerst darüber nachgedacht, was Jarretts Solokonzerte eigentlich ausmacht. Seit den frühen Siebzigerjahren hat er ganze Abende ohne vorbereitetes Material improvisiert. Oft beginnt er mit einer einzelnen Idee, tastet sich rubato voran, findet irgendwann einen Groove über einer hartnäckig wiederholten Figur der linken Hand, steigert ihn über lange Strecken bis zur Ekstase und landet am Ende bei etwas, das wie ein Kirchenlied klingt.

Das berühmteste Beispiel ist das Köln Concert, aufgenommen am 24. Januar 1975 in der Kölner Oper. Auf der Bühne stand der falsche Flügel: statt des bestellten Konzertflügels ein kleiner, abgenutzter Bösendorfer mit schwachem Bass und dünnen Höhen. Jarrett spielte trotzdem, blieb vor allem in der Mittellage und stützte den Klang mit wiegenden Ostinati in der linken Hand. Der lange Vamp im ersten Teil, der zwischen a-Moll und G-Dur pendelt, ist legendär geworden, und das Album gilt als eine der meistverkauften Klavieraufnahmen überhaupt. Seit zwei Schlaganfällen im Jahr 2018 kann Jarrett nicht mehr öffentlich spielen.

Von ihm habe ich die große Form übernommen: suchender Anfang, Groove über einem Ostinato, langer Aufstieg, ekstatischer Höhepunkt, Choral. Dazu kommen der Vamp als Motor, der liegende Grundton und die Harmonik zwischen Folk und Gospel.

Eigenes wollte ich vor allem in die Architektur legen. Jarrett entscheidet im Moment. Ich schreibe Noten und kann deshalb vorausplanen, was ein Improvisator nicht planen kann. Daraus sind drei Ideen entstanden: die Lichtleiter der Modi, bei der sich über dem festen G immer nur ein Ton ändert; die Durchführung, in der drei gegen vier genau so lange gegeneinander läuft, dass sich beide Hände exakt am Beginn des Höhepunkts wiederfinden; und die Sparsamkeit, alles aus einem einzigen Motiv zu entwickeln. Der lydische Schluss war mir wichtig: Nach Dur geht es noch einen Schritt weiter ins Helle, und das Stück endet nicht in einer Kadenz, sondern offen.

Wie die Aufnahme entstanden ist

Die Aufnahme ist gerendert, nicht eingespielt. Aus der Partitur hat ein Programm eine ausdrucksvolle Aufführung berechnet: eine Tempokurve mit Rubato und Fermaten, eine lautere Melodie über leiseren Begleitstimmen, kleine Unregelmäßigkeiten im Timing, gebrochene Akkorde und Pedalwechsel kurz nach dem Anschlag. Diese Aufführung wurde dann mit den Samples des Salamander Grand Piano gespielt, Aufnahmen eines Yamaha-C5-Flügels, und durch einen simulierten Konzertsaal geschickt, samt der Resonanz ungedämpfter Saiten.

  • Notensatz: LilyPond
  • Klang: Salamander Grand Piano von Alexander Holm (CC BY 3.0), gerendert mit sfizz
  • Video: Bild für Bild berechnet: Partitur mit Hervorhebungen, Klavierrolle mit Spektrum, Tonleiter-Anzeige und Lautstärkekurve